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Archäologisches Institut, Universität Innsbruck / B. Nutz
"Leinen-BH" aus dem 15. Jahrhundert (großes Bild) im Vergleich mit einem Longline-BH aus den 1950er Jahren (kleines Bild unten links).

Archäologisches Institut, Universität Innsbruck / B. Nutz
Mittelalterliche Unterhose aus Leinen, Schloss Lengberg/Osttirol

Aufbauwerk der Jugend - Berufsvorbereitung Schloss Lengberg, Foto:Wolfgang Retter (Quelle: Wikimedia, CreativeCommons, Unported 3.0)
Schloss Lengberg in Osttirol, Juni 2010

Wikimedia, Clemensfran, GNU 1.2
Römische Sportlerinnen mit fascia pectoralis, 4. Jhdt. n. Chr., Piazza Armerina, Sizilien, Villa Romana del Casale, Mosaik-Ausschnitt


Unters Kleid geschaut
Bereits im 15. Jhdt. trug Frau sexy Unterwäsche
Simone "Mone" Jatropulus
17.07.2012 16:55

2008 wurde auf Schloss Lengberg in Osttirol bei Umbauarbeiten zwischen zwei Stockwerken "Dämmmaterial" aus dem 15. Jahrhundert gefunden. Bei näherer Betrachtung stieß man auf eine Sensation: Unter anderen fand man Textilreste, die eindeutig als Büstenhalter identifiziert werden konnten! Zudem kam eine vollständig erhaltene männliche Unterhose zum Vorschein.

Mit Unterstützung und Förderung des Landes Tirol konnte im Juli 2008 mit umfangreichen Sanierungs- und Umbauarbeiten auf Schloss Lengberg in Osttirol begonnen werden. Aufgrund der historischen Baustruktur war auch ein Team von Archäologen unter der Leitung von Harald Stadler (Institut für Archäologien, Fachbereich Ur- und Frühgeschichte sowie Mittelalter- und Neuzeitarchäologie der Universität Innsbruck) zur Beobachtung anwesend.

Hausmüll als Dämmmaterial

Stadler und sein Team stießen im zweiten Stock im Südflügel des Schlosses auf eine Gewölbezwickelfüllung, deren verschiedene Schichten nicht nur aus Ästen, Reisig und Stroh, sondern auch aus bearbeiteten Hölzern, Leder (vor allem Schuhe) und zahlreichen Textilien bestanden. Quasi Hausmüll, der als Dämmmaterial dienen sollte. Die ersten, stichprobenartigen Untersuchungen ließen auf eine Datierung der Funde ins 15. Jhdt. schließen. Nach eingehenden Analysen, bauhistorischen Untersuchungen sowie fünf Kohlenstoff-14-Datierungen, mit deren Durchführung die ETH Zürich betraut wurde, konnte diese Annahme bestätigt werden.

Die Textilfunde

Die gefundenen Textilreste an sich können bereits als Sensationsfund bezeichnet werden, denn einige davon sind beinahe vollständig erhaltene Kleidungsstücke. Spärliche Wollüberreste an Stoffteilen aus Leinen lassen auf Wollkleidung mit leinenen Innenfutter schließen.

Der männlichen Mode des 15. Jahrhunderts zuordenbar, wurde eine beinahe vollständig erhaltene Leinenunterhose gefunden. Zudem identifizierte man ein Fragment einer zweiten leinernen Unterhose wie auch einen Stoffrest aus roter und blauer Wolle, welcher sich als Rest eines Hosenlatzes herausstellte.

Weiters wurden Teile mehrerer Leinenhemden mit ausgeprägter Fältelung an Kragen und Ärmeln inklusive gut erhaltenen Textilknöpfen und zugehörigen Knopflöchern entdeckt. Größe und Weiten dieser Fragmente lassen darauf schließen, dass deren Träger Frauen oder Kinder waren. Insgesamt wurden mehr als 2.700 textile Fragmente katalogisiert und untersucht.

Faserproben der erhaltenen Unterhose aus Leinen sowie zweier weiterer Textilfunde aus Lengberg wurden an die Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich weitergeleitet und dort mittels Radiokarbon-Methode und Kohlenstoff-14-Datierung bis ins Detail untersucht, was eine eindeutige Datierung ins 15. Jahrhundert zulässt.

Sensationsfund: Spätmittelalterliche Dessous

Was schon viele Historiker, Reenactor und andere seit langem vermuten, ist nun tatsächlich belegt: Auch im 15. Jahrhundert trug Frau bereits einen Büstenhalter unter dem Kleid. Insgesamt vier gefundene Textilien sind dem Schnitt moderner BHs oder Bikini-Oberteile verblüffend ähnlich. Die aus Leinen gefertigten Objekte weisen deutlich Körbchen auf.

Zwei der gefundenen Stoffstücke scheinen die Kombination eines kurzen Hemdchens mit einem Büstenhalter zu sein. Sie enden direkt unterhalb der Brust. Oberhalb der Körbchen wurden zusätzliche Stoffbahnen eingearbeitet, um das Dekolleté zu bedecken. Auf Ärmel wurde gänzlich verzichtet. Am unteren Ende weisen die beiden "Mittelalter-BHs" Verzierungen mit Nestelbändern auf, die mittels einfacher Nadelspitze angebracht und versäumt wurden. Diese Verzierungen dienten auch als Verstärkung des Saumes und hatten eine zusätzliche Stützfunktion.

Der dritte "Mittelalter-BH" ähnelt dem in der heutigen Zeit getragenen Exemplar schon eher. Hier fungierten - wie beim modernen Bikini-Oberteil oder BH - zwei breite Bänder als Träger. Das Rückenteil ist zwar leider nicht erhalten, lässt sich jedoch anhand der teilweise zerrissenen Kanten an den Körbchen, die als Befestigung für den Rückenteil dienten, rekonstruieren. Dieser "Mittelalter-BH" fällt auch durch eine viel aufwendigere Verzierung als die anderen gefundenen Stücke auf: Die Träger wurden mit Nadelspitze dekoriert, am unteren Ende ein Nestelband mittels Nadelspitze in den Saum eingearbeitet. Zwischen den beiden Körbchen findet sich Sprang - eine alte textile Technik, die heute kaum noch bekannt ist.

Der vierte "Mittelalter-BH" ist eindeutig jener, der den heutigen Büstenhaltern am stärksten ähnelt. Es handelt sich hierbei um eine Kombination aus Mieder und BH, vergleichbar mit einem heute modernen "Longline-BH". Die Körbchen wurden aus zwei Stück feinen Leinens gefertigt, während der Rest aus gröberem Leinen besteht und bis knapp unter den Brustkorb reicht. Auf der linken Körperseite finden sich sechs Nestellöcher, die mittels eines Bandes oder einer Schnur als Verschluss des "Mieders" dienten. Der Rand der Körbchen war mit Nadelspitze dekorativ versäumt, zwischen den beiden Körbchen vermuten die Wissenschaftler ursprünglich eine weitere Verzierung, möglicherweise eine weitere Sprang-Arbeit.

Auch die Dessous aus diesem Sensationsfund wurden mangels vergleichbarer archäologischer Textilfunde an der ETH Zürich mittels Kohlenstoff-14-Datierung untersucht. Auch hier bestätigten die Radiokarbonuntersuchungen eine Datierung in das 15. Jahrhundert.

Mag. Beatrix Nutz vom Archäologischen Institut der Uni Innsbruck gegenüber Huscarl: "Mein erster Gedanke: 'Völlig unmöglich – so etwas (BHs !!!!) gabs noch nicht im 15. Jahrhundert.' - Und dann mein verzweifelter Versuch, die Sache doch irgendwie zu erklären und vergleichbare archäologische Funde sowie Schrift- oder Bildquellen zu finden... Als wir dann endlich die Resultate der 14C-Datierung aus Zürich erhalten haben, wurde bei uns am Institut natürlich sofort gefeiert."

Wer hats erfunden?

Vermutlich nicht die Schweizer. Wer den Büstenhalter tatsächlich erfunden hat, ist nach wie vor eine Streitfrage. Bisher waren zwei der bekanntesten Namen in Bezug auf diese Frage Herminie Cadolle (spätes 18. Jahrhundert) und Mary Phelps Jacob (frühes 20. Jahrhundert).

Bereits im antiken Rom existierte ein Vorläufer des Büstenhalters, die sogenannte Brust- oder Busenbinde, auch als fascia pectoralis (lat.) oder strophium (griech.) bekannt. Sie wurde unter Tunika und Palla getragen und stützte bzw. verhüllte den Busen. Die antiken Athletinnen trugen beim Sport eine Kombination aus Busenbinde und Höschen, die dem heute modernen Bikini (siehe Abbildung) äußerst ähnlich erscheint.

Bisher gab es keinerlei Existenzbeweise für BHs mit eindeutig sichtbaren Körbchen vor dem 19. Jahrhundert. Schriftliche Aufzeichnungen aus dem Mittelalter sind eher schwammig formuliert und rar: Von "Taschen für die Brüste" oder "Hemden mit Säcken" ist die Rede. An anderen Stellen liest man von Brustbändern, mit denen übergroße Brüste eng an den Körper gebunden wurden.

Drei der auf Schloss Lengberg entdeckten Büstenhalter warten mit sehr großen Körbchen auf, nur der mittelalterliche "Longline-BH" war auf eine kleinere Körbchengröße ausgelegt. Diese Fakten decken sich mit dem Kontext diverser Schriftquellen, dass "Säcke" in Kleidern oder Hemden, welche zum Teil extra eng geschnürt wurden, dazu dienten, übergroße Brüste optimal zu stützen und Halt zu geben.

Geschichte von Schloss Lengberg

Die erste schriftliche Erwähnung der Burg Lengberg wird auf August 1190 datiert - als "veste Lengenberch". Im 18. Jahrhundert war die Festung so massiv zerfallen, dass der damalige Richter auszog und von einem Hof im Dorf aus Gericht hielt. Zahlreiche Besitzwechsel folgten, auch Habsburg und das Kurfürstentum Salzburg konnten das nunmehrige Schloss eine Zeit lang ihr eigen nennen. Im 19. Jahrhundert diente es als Altarwerkstatt wie auch als Lazarett während der verheerenden Cholera-Epidemie 1831, doch erst im 20. Jahrhundert wurde das heruntergekommene Schloss von seinem neuen holländischen Besitzer wieder soweit renoviert, dass es auch bewohnbar war. Gegen Ende des zweiten Weltkrieges nutzten britische Besatzungstruppen die ehrwürdigen Mauern als Quartier. Schließlich verkauften die holländischen Besitzer Schloss Lengberg an das Land Tirol, welches das Bauwerk dem sozialen Verein "Aufbauwerk der Jugend" überließ, dessen Mitglieder dort bis heute ihr Werk verrichten.


Abschließende Worte

Auf die Frage unserer Redakteurin nach einem persönlichen Statement zum Fund antwortete Frau Mag. Nutz vom Archäologischen Institut der Universität Innsbruck:

Ich möchte einen (leider unbekannten) Dichter des 14./15. Jahrhunderts zitieren, der in seinem satirischen Gedicht unter anderem Folgendes vermerkt hat:

  „Ir manche macht zwen tuttenseck
  Damit so snurt sie umb die eck,
  Das sie anschau ein ieder knab,
  Wie sie hübsche tütlein hab;
  Aber welcher sie zu groß sein,
  Die macht enge secklein,
  Das man icht sag in der stat,
  Das sie so groß tutten hab.“



Auszug aus „Meister Reuauß“ (oder Rennaus), satirisches Gedicht des 14./15. Jahrhunderts.
(Wien, Österr. Nationalbibl.  Cod. 2880, Bl. 130v bis 141r)

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1. Kommentar von Firiel am 17.07.2012 um 22:49

Fehlerhinweis
Bilduntertitel zum Spätantiken Bild: es heißt Piazza Armerina nicht Americana.
Bei der Fascia pectoralis handelt es sich lt. Literatur allerdings nicht um einen Bikini wie wir ihn uns vorstellen, sondern ein mehrere Meter langes Tuch (Leinen?) welches mehrmals um die Brust gewickelt wurde.

"Auch im 15. Jahrhundert trug Frau bereits BH und Höschen unter dem Kleid"

Meinem Stand der Dinge ist es in keinster Weise nachweisbar, dass es sich beim vorliegenden Fund um eine Frauenunterhosen handelt - woher diese, für den Laien u.u. sehr irreführende, Aussage??? Bitte um Belege zu diesem Statement. Mein persönlicher E-Mail-Kontakt mit Fr. Nutz bzw. Verfolgung der Medien-Berichte und Publikationen von Fr. Nutz zu den Textilien sprechen immer von einer Männerunterhose.

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2. Kommentar von Huscarl-Redaktion am 17.07.2012 um 23:23

Dankeschön
Vielen Dank für den aufmerksamen Hinweis. Vielleicht möchtest Du ihn auch gleich an die deutsche Wikipedia weiterleiten, wo das Bild mit ebendieser sinnverfremdenden "Buchstabenverwechslung" untertitelt ist.

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3. Kommentar von Firiel am 17.07.2012 um 23:34

Wikipedia = Vorsicht!
Es ist auf jeden Fall eine gute Situation um uns alle daran zu erinnern, dass Wikipedia qualitativ auch nicht immer für Bares genommen werden darf und so wie jede Quelle einer mehrfachen Überprüfung bedarf.

Und nein, leider habe ich keinen Wikipediaaccount, vielleicht kannst du das ja über deinen mal bei Gelegenheit rückmelden! LG

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4. Kommentar von cigarman am 19.07.2012 um 11:08

Wiki umschreiben
Zur Info: Auch ohne Wikipedia-Account kann man dort etwas umschreiben. Ein angemeldeter User mit ein bischen "Erfahrung" wird es dann irgendwann freischalten.

Da ich einen Account habe, habe ich es geändert und freigegeben.

Immerhin ist es wichtig, wenn man über ein Thema bescheid weiß (oder das glaubt) und einen Fehler in der WP findet, diesen zu ändern. Denn Wissen soll eben nichts elitäres für wenige sein, sondern Allgemeingut!

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5. Kommentar von Huscarl-Redaktion am 08.08.2012 um 22:23

Zum Zitieren gibt es verschiedene Meinungen
http://homepage.univie.ac.at/axel.maireder/2012/08/wikipedia-zitieren-ja-bitte/

Und zum Glück tragen genügend Menschen etwas bei, damit Wikipedia tagtäglich eine wertvolle Anlaufstelle für Millionen andere ist.

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