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(C) Florian Machl

Ivan Ertlov

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Metal vs. Mittelalter: Besuch im Wackinger Village
Respektables Mittelalter-Feeling inmitten von purem Festival-Wahnsinn
Ivan Ertlov, Luna
14.08.2011 09:45

Am Anfang stand das Gerücht: Von einem befreundeten deutschen Journalisten bekamen wir die Information kolportiert, dass die Veranstalter des weltgrößten Metal Festivals “irgendwas mit Mittelalter” planen. Er vermute eine Mischung aus Festival Medieval und dem Wacken Open Air, könne aber nichts Genaueres sagen. Ein Re-Check beim Veranstalter – der deutschen ICS GmbH – bringt etwas Licht ins Dunkel: Zwar werde keine eigene Veranstaltung geplant, aber es gäbe einen stark aufgewerteten Reenactement Part auf dem Open Air selbst. Das schon aus den Vorjahren bekannte “Wackinger Village” wäre durchaus mit renommierten Märkten vergleichbar. Das macht neugierig. Last Minute erhalten wir kulanter Weise die begehrte Akkreditierung, laden noch einmal alle Kamerakkus und machen uns auf den Weg.

1100 Kilometer später, tapfer und standesgemäß im Campingbus zurückgelegt, kommen wir erst einmal nicht aus dem Staunen heraus. Selbst dem Novarock-gewohnten und in grauer Vorzeit Forrestglades-gestählten Journalisten verschlägt es angesichts der Dimensionen den Atem. Rund 80.000 Besucher, von denen mehr als 99% vor Ort campen, verwandeln die beschauliche Kleinstadt nordwestlich von Hamburg in ein Bierschlachtfeld und Zeltermeer. Zwei Hauptstages und drei Nebenbühnen, die noch immer größer sind als fast alles, was man hierzulande gewöhnt ist, beschallen die Fans mit hochkarätigen Bands am Fließband. Wacken ist legendär, Wacken ist Kult, Wacken kann es sich leisten, Blind Guardian bereits am Donnerstag frühabend zu verbraten und eine Band wie Rhapsody of Fire, die andernorts als Headliner fungieren würde, um 17 Uhr in glühend heißer Sonne auf der „Party Stage“ (!) auftreten zu lassen. Lemmy Kilmister gröhlt beim „Motörhead Extended Gig“ insgesamt dreimal Ace of Spades, Ozzy Ozbourne wird von seiner technisch exzellenten Band durch einen Auftritt getragen, während dem man ihm dreimal das Altersheim und fünfmal ein Sauerstoffzelt wünscht. Das Who-is-Who der harten Musik ist geballt vor Ort. Doch wo bleibt das Mittelalter? Im „Wackinger Village“!

Überraschend guter Markt

An lange Fußmärsche von Campingplatz zu Bühnen und Attraktionen muss man sich erstmal gewöhnen. Wir erreichen das Wackinger Village -  und sind doch nicht genug außer Atem, um uns ein anerkennendes Pfeifen zu verkneifen. Was hier als „Dorf im Dorf“ ohne jeglichen Anspruch auf authentisch oder auch nur „ambientig“ vermarktet wird, ist ein Mittelaltermarkt, der sich gewaschen hat. Die Verkaufsstände sind allesamt aus altem oder auf alt getrimmtem Holz und Stoffen, Plastik sucht man vergeblich. Die Schaubäckerei wirkt per Zeitreise aus einem längst vergangenen Jahrhundert herangekarrt, der Elektromotor, der das Spanferkel (vermutlich) rotiert ist unsichtbar im Gußeisengestell versenkt, auf den meisten „normalen“ Mittelaltermärkten findet man diesbezüglich weitaus mehr zu beanstanden.

Auf den zweiten Blick beeindruckt auch das Warenangebot. Der übliche Esoterik-Kram und Schnuckelgruftie-Zierrat ist auf den „normalen“ Wacken Markt verbannt, hier findet man – aus Mittelaltersicht – wirklich nur „das gute Zeug“. Erstaunlich viele in mühsamer Handarbeit hergestellte Einzelstücke sorgen für ein wirklich hervorragendes Angebot im Kleidungs- und „Leichtrüstungsbereich“. Ebenso fällt auf, dass kein Stand das gleiche Sortiment wie der Nachbar hat – Abwechslung ist in dieser speziellen Händlermeile groß geschrieben. Sicherheitstechnisch vorbildlich: Schwerter, Dreschflegel, Äxte und alles andere „kriegstaugliche“ Material kann zwar erworben, aber nicht mitgenommen werden. Erst nach Veranstaltungsende am Sonntag dürfen die Waffen abgeholt werden. Zugegeben: Die Bühne im Areal ist High-Tech, die Absperrungen sind Metall und Plastik, ebenso werden im Zuber Plastikbecher gereicht. Einer der Stände hat auch Metal-Fan-T-Shirts im Angebot. Aber man ist ja schließlich auf Wacken, in diesem Fall drücken wir ein Auge zu und verabreichen dem Markt selbst ein geistiges „Gut“.

Vielfältiges Programm

Abgesehen von den „Bands“ auf der sporadisch bespielten modernen Bühne im Village ist der Hauptsammelplatz ein großräumig eingesperrtes Areal in der Mitte,  auf dem ein imposantes Programm geboten wird. Eine handvoll Wikinger Gruppen aus Deutschland zieht hier gemeinsam an einem Strang und bietet Waffenvorführung, Erklärbärshows, Freikampf, Buhurt und sogar eine Feldschlacht – diese gegen die Veytaler Ritterschaft. Letztere sorgt außerdem für Bruchenball Männer und Bruchenball Frauen (leider strikt getrennt) und einige gut in Szene gesetzte Schaukämpfe. Vermutlich dem Sicherheitsgedanken geschuldet, bleiben diese Darbietungen jedoch relativ zahm: Bei den Freikämpfen wird nicht mit halber, sondern eher mit Achtelwucht zugeschlagen, und die Bruchenball Sessions sind verglichen mit einem Sturmfalkenturnier eher eine Trainingssession mit harmlosem Gerangel. Dennoch wird das Publikum von 11 Uhr morgens bis zur durchaus annehmbaren Feuershow nach Einbruch der Dunkelheit bestens unterhalten.

Imposantes Lager

Zu dem klassischen Homi Lager der Ritterschaft gesellt sich eine ganze Nordmann Siedlung mit rund drei Dutzend eng aneinander gereihten Wikingerzelten. Qualitativ befindet man sich hier ebenfalls zumindest in der gehobenen Mittelklasse, zwei der Lager sind selbst nach strengen Kriterien in der Spitzenklasse anzusiedeln. Man zeigt, was man hat – und dies reicht von kunstvoll selbst gefertigten Lamellenpanzern bis hin zu wirklich authentisch anmutender Kochkunst. Kein Plastik, keine Gebärstühle, keine Klischees. Trinkhörner findet man, wenn überhaupt, korrekterweise als verzierte Dekorations & Gebrauchsgegenstände auf Metallhaltern am Tisch platziert. Die Besucher werden auf eigenen Ständen eingebunden und können schnitzen, Lederarbeiten, Speere werfen – allerdings oft gegen gar nicht mal so wenige klingende Münzen. Warum so manche Truppe dieses Zubrot gut brauchen kann, erfahren wir erst später.

Man kennt Huscarl

Wir kommen ins Gespräch mit den Lager- und Schaukampfgruppen, und siehe da – Huscarl als Online Magazin ist selbst hier im hohen Norden Deutschlands zumindest einigen Darstellern durchaus ein Begriff. Freudig überrascht von unserer Medienpräsenz vor Ort laden uns die Wikinger in ihr Lager und beantworten fleißig unsere Fragen.Schnell stellt sich heraus, dass man es hier mit langjährigen alten Hasen zu tun hat. Viele haben 10, 20 oder mehr Jahre Reenactement Erfahrung, die Rüstungsteile und Waffen sind beinahe ausschließlich selbst gefertigt, ebenso das gesamte Lagerzubehör, Möbilar, Zelter, Gewandungen - eigentlich alles, was sich innerhalb der Lagerabsperrung befindet.
Erfahrungen werden ausgetauscht, Feierabend Bier wird getrunken, und wir bekommen einige Anekdoten aus dem Leben der modernen Wikinger spendiert.

Reizwort “Holmgang”

Ein eher seltsames Verhalten zeigen die versammelten Darsteller, wenn man sie auf die – zumindest geografisch – nahe stehende Gruppe “Holmgang Hamburg”  anspricht, die zur Zeit auch in Österreich ausgesprochen kontrovers diskutiert wird. Ein schmerzhaft verzogenes Gesicht, einen kurzen Moment betretenes Schweigen, danach erklärt uns der bis ebenhin sehr gesprächige Wikinger kurz und bündig “Mit denen wollen die meisten hier inzwischen nichts zu tun haben”. Das weckt erst recht die journalistische Neugier, wir haken nach. Nach einigem Herumdrucksen erklärt unser spendabler Lagergastgeber: “Es gibt mittlerweile einen breiten Konsens unter vielen Gruppen, dass weder mit ihnen trainiert noch gegen sie gekämpft wird.”

Dabei dürften die Gründe eher im Sozialverhalten beziehungsweise politisch bedenklichen Ansichten liegen, als in der übertriebenen Härte oder etwaiger kämpferischer Kunstfertigkeit. “Ich habe schon einige von ihnen live kämpfen gesehen, das war eher plump und langsam. Viel Wucht, aber nichts dahinter” lautet das nicht gerade schmeichelhafte Urteil.

Ein ebenfalls anwesender Kämpe, der nach eigenen Aussagen (die nach Betrachtung seiner Buhurt-Performance durchaus glaubwürdig wirken) auch schon bei den berüchtigten Freikampfturnieren in Osteuropa seine Schlachten geschlagen hat, berichtet gar von einer  Forderung zum Kampfe, die die Holmganger nach einem ihrer von Selbstüberschätzung triefenden Youtube Video Publikationen erhalten und dankend abgelehnt hatten.

Deja Vu bei der Geldfrage

Über Geld redet man bekanntlich nicht. Wir tun es trotzdem und fragen, mit entsprechend höflicher Zurückhaltung, nach der Gage für einen derart aufwändigen Auftritt bei einem 80.000 Zuschauer Spektakel. Die Antwort verblüfft insofern, als dass man den gleichen Satz schon des öfteren in der heimischen Szene vernommen hatte.

“Ursprünglich war eigentlich eine durchaus annehmbare Gage angesprochen worden. Allerdings haben dann einige Gruppen ihr Kommen gratis zugesagt, nur um dabeisein zu dürfen, und letztendlich hat dies dazu geführt, dass wir auch nichts bekommen.”

Dass die Gruppen dafür Mittelalter- und Wikingerwaren aller Art im eigenen Verkaufsstand feilbieten dürfen, erscheint da nur als geringer Trost. Besonders wenn man bedenkt, dass alleine der Ticket-Vorverkauf knapp 10 Millionen Euro in die Kassen des Veranstalters spült.

Quo Vadis?

Alles in allem fällt das Fazit aus Sicht eines Marktbesuchers überraschend positiv aus. Ohne irgendwelche diesbezüglichen Ansprüche zu stellen, kann das Wackinger Village so manches dezidierte Mittelalterfest in allen relevanten Kriterien zumindest einholen, wenn nicht sogar überflügeln. Man darf gespannt sein, ob diese Sektion des Wahnsinns Wacken auch in den nächsten Jahren auf diesem Niveau beibehalten oder gar noch gesteigert werden kann. Nötig hätte es der Veranstalter keineswegs – die Tickets für das Wacken Open Air sind meist bereits im Vorjahr der Veranstaltung restlos ausverkauft, und wie groß die Schnittstelle zwischen Metal und Mittelalter auch sein mag, für W:O:A ist sie bestenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein.


Weiterführende Links:




Der Bogenstand Gesierich

Kultur- und Veranstaltungsgemeinschaft Eulenspiel

Die Harzschützen

Steam Dreams

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1. Kommentar von Florian am 23.08.2011 um 11:24

Damals...^^
Als ich 2008 nach Wacken fuhr, hatten sie auch bereits einen kleinen Mittelalter Bereich. Damals warens noch ca 5-8 Stände und 2-3 Lagergruppen aber sowol das Angebot der Waren als auch die Darstellung hatten bereits alles eine relativ gute Qualität. Wenn ich mich nicht Irre war das damals das Erste Jahr, dass sie so einen Bereich hatten.

Zusätzlich fand Zeitgleich in Schleswig die \"Wikingertage Schleswig\" statt (angeblich eine der größten Wikinger-Veranstaltungen Europas) und für diese Wurden am ersten Tag auf der Hauptbühne von einigen Darstellern Werbung gemacht.

Wenn sich das mittlerweile zu so einem großen Markt entwickelt hat, muss man 2012 fast doch wiedermal raufschauen^^

mfg

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2. Kommentar von Rotschopf am 23.08.2011 um 12:46

WGT Heidnisches Dorf
übrigens, falls es euch interessiert, liebes Huscarl Team ich bin nächstes Jahr wieder am WGT, dem größten Gothic-Festival der Welt. Die haben da natürlich auch einen Mittelaltermarkt (in zwei Teilen, Moritzbastei und Heidnisches Dorf). Der leistet zwar nicht viel historisches, dafür eine schönes Ambiente und viel Unterhaltung. Da war sogar ich recht angetan. Ich bring euch gern ein paar Eindrücke mit beim nächsten Mal.

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3. Kommentar von Schelmut am 24.08.2011 um 11:33

@Rotschopf
http://www.huscarl.at/musikundkonzerte71.php

...die Moritzbastei fehlt da allerdings komplett!

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4. Kommentar von Rotschopf am 24.08.2011 um 13:18

aaahh!!
Sehr gut. Da ist dann eh alles gesagt. Moritzbastei ist halt ein kleiner "mittelalterlicher" Markt mitten in der Stadt drin, wo man hauptsächlich lecker Essen und Trinken findet und halt jede Menge Ethno-Schmuck usw. Weiß nicht, ob sich das allein auszahlt für einen Bericht, aber ich kann ja mal nächstes Jahr ein paar Fotos schießen und wenn Bedarf da ist, schreib ich kurz was dazu.

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