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(C) Ruprechtsberger / Nordico Museum

(C) Florian Machl
Stadtarchäologe Univ.-Prov. Dr. Erwin M. Ruprechtsberger präsentierte im Jahr 2010 stolz den Schwertfund aus der Donau.

(C) Ruprechtsberger / Heiss / Nordico Museum
Auszug, Seite 33: Das nahezu perfekt erhaltene Griffstück aus Buchenholz.

(C) Ruprechtsberger / Heiss / Nordico Museum
Auszug, Seite 35: 100 und 200 fache Vergrößerung der Holzproben. In diesem Detailgrad mit außerordentlich hochwertigen Bildern wird in der Publikation durchgehend gearbeitet.


Ein hochmittelalterliches Schwert aus dem Donauschotter bei Steyregg
Aufwändige Dokumentation und Analyse eines einzigartigen Fundstückes
Florian Machl
13.06.2012 17:28

Gut eineinhalb Jahre lang mußte darauf gewartet werden, doch die in akademischen Kreisen alles andere als lange Wartezeit zahlte sich aus: Im Februar 2012 erschien die von vielen sehnsüchtig erwartete Publikation zum hochmittelalterlichen Schwertfund des Jahres 2010 nahe Linz. Hochkarätige Wissenschaftler haben jedes erhaltene Detail analysiert und dabei einen riesigen Aufwand betrieben: Sowohl was die verwendeten Mittel, die Vergleichsanalysen und das Hinzuziehen internationaler Experten betrifft. Herausgekommen sind 52 Seiten wissenschaftlicher Text, reichhaltig bebildert - ein absolutes Muß für jeden, der sich mit hochmittelalterlichen Waffen auf einem hohen Niveau auseinandersetzt.

Archäologen, Reenacter, Schwertkämpfer - sie alle sahen gegen Ende 2010 gebannt in Richtung Linz, wo Stadtarchäologe Univ.-Prov. Dr. Erwin M. Ruprechtsberger den sensationellen Zufallsfund eines außerordenlich gut erhaltenen, hochmittelalterlichen Schwertes präsentierte. Die Qualität der Klinge war deutlich höher, als bei dem einzigen bisher bekannten Vergleichsfund aus der Region. Details wie ein vollständig erhaltenes Griffstück aus Holz, an dem sogar noch Gewebereste hafteten, ließen Fachleute und Mittelalterbegeisterte aufhorchen. Die schützende Ummantelung aus einer Bitumenmasse warf viele Fragen auf. Diese und einige weitere Fragen konnten im Laufe der Untersuchungen geklärt werden. Andere Details der Klinge lassen weiterhin viel Raum für Spekulationen.

Fünf Kapitel geballte Information

Das Buch ist in fünf Kapitel, die eigenständige wissenschaftliche Arbeiten darstellen, aufgeteilt. Prof. Ruprechtsberger erklärt im Vorwort sowie im Teil "Das Schwert und seine Geschichte" zuerst den Zustand des Fundes, den Fundort und die gemeinhin bekannte Geschichte des 12. und 13. Jahrhunderts um Linz. Dabei wird mehrfach betont, dass die Vielzahl an interessierten Rückmeldungen aus oben genannten Personenkreisen viel dazu beigetragen haben, eine Motivationslage zu schaffen, die zu so umfangreichen Untersuchungen führte. Zu unterstreichen ist hierbei die behutsame wissenschaftliche Argumentation des Professors aber auch aller anderen Autoren. Nur gesicherte Fakten werden als solche gekennzeichnet und formuliert, bei allen Dingen wo nur Vermutungen möglich sind, wurde dies klar zum Ausdruck gebracht. Dabei wird festgehalten, dass es sich definitiv um ein einmaliges archäologisches Zeugnis aus der Zeit des 12./13. Jahrhunderts handelt. Eine massenmedial oft transportierte Zuordnung als "Kreuzritterschwert" wird als reine Spekulation abgetan. Ebenso kann nur spekuliert werden, weshalb das Schwert in der Donau landete. Ob althergebrachter "Opfergabe"-Ritus oder Unfall - man weiß es nicht.

Die Inschrift

In einem ersten Bildteil, der durch brillante fotografische Arbeiten besticht - sowohl hinsichtlich der Aufnahme als auch der Wiedergabe im Druck - wird nicht nur der Fund aus Steyregg sondern auch der regional bekannte - in vielen Details einfachere und plumpere - Vergleichsfund aus Ebelsberg im Detail gezeigt. Dabei wurde auch ganz besonders darauf geachtet, die jeweiligen rätselhaften Inschriften auf den Klingen gut lesbar abzubilden. In aufwendiger Recherche wurde tatsächlich ein Schwert bekannt, dessen Inschrift zumindest in Teilen ähnlich ist. Die am Schwert aus Steyregg doppelt ausgeführte Inschrift RSRS befindet sich in ähnlicher Schreibweise (allerdings nur "RS") auf einem Schwert aus Neuburg, Deutschland. Ein Naheverhältnis des jeweiligen Herstellers erscheint aufgrund bekannter Transportwege über die Donau nicht völlig ausgeschlossen, ist aber nicht zu beweisen. Ob es sich um ein Zeichen des Schwertschmiedemeisters oder eine religiöse Formel ("Sanctus") handeln kann, bleibt weiterhin ungeklärt. Einzig die Richtigkeit einer Datierung in eine Zeit um 1200 wird von Schriftexperten bestätigt. Das Ufer rund um das Fundgebiet war in der fraglichen Zeit jedenfalls im Eigentum des Salzburger Domkapitels beziehungsweise des Stiftes St. Peter. Die Burg Ebelsberg wurde 1150 erstmals urkundlich erwähnt. Über Wien und Österreich herrschten zu jener Zeit die Babenberger, welche die Stadt Linz im Jahr 1207 zu einer bedeutenden Handelsmetropole erweiterten.

Die textile Griffumwicklung

Die Huscarl-Lesern sicher bestens bekannte Textil-Expertin Karina Grömer (z.B. durch "Prähistorische Textilkunst in Mitteleuropa") eröffnet die Expertenrunde der Detailuntersuchungen. In diesem Kapitel erfährt der Leser, dass der Griff sehr wahrscheinlich durch drei Lagen Stoff umwickelt war. Dabei wird klar gestellt, dass es sich bei den Textilresten nicht um eine Transportumhüllung sondern um einen Teil des Griffstückes handelte. Das aus Flachsfasern gefertigte Leinengewebe diente dazu, dem Schwerträger einen guten Griff zu garantieren und dabei auch Schweiß aufzusaugen. Dabei wäre für die Zeit des Fundes eine Leinenummantelung eher selten. Am Häufigsten wären diese bei Funden aus dem Frühmittelalter aufgetaucht. Neben Mikroskopaufnahmen beinhaltet das Kapitel Detailinformationen zum Drehwinkel, der Fadenstärke und der Gewebedichte. Wer sich also an einer exakten Rekonstruktion verwirklichen will, hat bereits beim Stoff alle Möglichkeiten.

Der Griff ist aus Buchenholz

Verwundert zeigt sich Andreas Heiss, Wissenschaftler der BOKU Wien, über das für den Griff verwendete Buchenholz. Dieser betont, dass so vollständige Fundstücke aus Holz eine Rarität darstellen. Aufgrund der Aussagen mittelalterlicher Autoren wäre Heiss eher davon ausgegangen, dass man Buchenholz keine guten Materialeigenschaften zugebilligt hat. Aus der selben Epoche würden keine verwertbaren Untersuchungen vorliegen, die darauf schließen ließen, dass Buchenholz das Mittel zur Wahl für Schwerthilze gewesen wäre. Auch hier muss auf frühmittelalterliche Funde verwiesen werden, wo etliche Funde von Saxgriffen aus Buchenholz dokumentiert sind. Aus späterer Zeit wird das Wrack der Mary Rose herangezogen, wo zahlreiche Schwert- und Dolchgriffe aus Buchenholz gefunden wurden. Vor einer Verallgemeinerung quer durch die Zeit und die Fundorte wird allerdings gewarnt. Auch die zeitliche Bestimmung mittels Radiokohlenstoff-Datierung  fällt in dieses Kapitel. Das VERA-Labor der Uni Wien stellte fest, dass das Griffstück mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen 1110 und 1220 hergestellt wurde. Dieser Zeitraum wird für die Fertigung aller Teile des Schwertes als wahrscheinlich angesehen.

Die "Bitumen-Hülle" des Fundstückes

Den außergewöhnlich guten Erhaltungszustand verdankt das Schwert einer "Hülle" aus einer Sedimentmatrix. Diese wurde an der Montanuniversität Leoben untersucht. Die Ergebnisse werden von Anton Mayer und Oskar Thalhammer präsentiert - untermauert durch viele Mikroskopaufnahmen. Im Vergleich mit anderen eisenhaltigen Fundstücken wurde festgestellt, dass Metall unter bestimmten Umständen mit seiner Umgebung derart interagiert, dass dadurch eine Schutzhülle wie an diesem Fundstück entstehen kann. Es sind nahezu identische "Umhüllungen", die sich um andere Metallfunde gebildet haben, bekannt. Die Theorie aus 2010, dass das Schwert eventuell absichtlich zum Schutz vor Transportschäden in eine Bitumenhülle eingebracht wurde, ist damit zu verwerfen.

Die metallkundliche Untersuchung

Eine Offenbarung für Schmiede, die sich der Rekonstruktion historischer Stähle und Schwerter verschrieben haben, bietet das abschließende Kapitel. Hierin ist zu lesen, dass das Schwert nicht nach den für das Hochmittelalter beschriebenen Schmiedetechniken (Damaststahl, Scharsachstahl) gefertigt wurde. Das Schwert ist aus verschiedenen Metallen gefertigt. Um einen hochelastischen Schwertklingenkern, der aus mehreren Stahlblättern bestand, wurden durch Feuerschweißen besonders harte Stäbe für die Schneide angebracht. Im Buch werden die Zusammensetzung der Metalle, die glasig erstarrten Schlacken im Übergangsbereich bis hin zur Mikrohärte nach Vickers-Skala angegeben. Die Analyse erfolgte durch Stahl-Experten der Voestalpine Stahl Linz GmbH mit modernstem Gerät. Der Autor dieses Kapitels, Hubert Presslinger, spricht von "exzellenten Werkstoffeigenschaften" aus "ausgereifter Schmiedetechnologie". Abgerundet wird dieses Kapitel durch Rückstreuelektronenbilder, Schliffbilder und Elementverteilungsbilder aus der Metalluntersuchung.

Motiviert durch die Erwartungshaltung der Interessenten

Um auf die oftmals sehr positive Wechselwirkung zwischen Archäologie, Reenacter, Schwertkämpfer und sonstige Mittelalterbegeisterte zurückzukommen, soll abschließend das Vorwort zitiert werden - als Dank für die wache Neugier und das aktive Interesse der mittelalterlich interessierten "Szene" in Österreich, die wohl mit ausschlaggebend war, dass eine derartig detaillierte wissenschaftliche Arbeit unternommen und vollendet wurde:

Entdeckung und Restaurierung wurden von Anfang an von einer interessierten Internet-Fangemeinde begleitet, die durch die Berichte im Medienservice der Stadt Linz und die unmittelbar darauf folgenden Infos, angeregt und sachkundig kommentiert von Florian Machl, auf den außergewöhnlichen Erhaltungszustand des hochmittelalterlichen Schwertes aus dem Donauschotter aufmerksam gemacht worden war. Die Begeisterung ging sogar so weit, dass ein Schmied das Schwert nachgebildet hat! (Anm.: Nachbildung im Auftrag von Heinrich Wurzian nach allen zum Fundzeitpunkt bekannten Eckdaten.) Allein das große Medienecho und die Erwartungshaltung der Interessenten zwangen zu einer möglichst raschen Vorgangsweise hinsichtlich der anstehenden wissenschaftlichen Untersuchungen am Schwert.

Pflichtkauf für Interessierte

Dass dieses Werk einen Pflichtkauf darstellt und der freundschaftliche Preis von 8,70 Euro sicher niemanden abschrecken kann, versteht sich an dieser Stelle von selbst. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es sich zudem um einen Fundus von Namen und Quellen handelt, der einen gewaltigen Mehrwert für den Interessierten darstellt. Alleine Prof. Ruprechtsberger führt vier Seiten an Fußnoten und Quellenangaben an, die für weiterführende Forschungen oder den Erwerb interessanter weiterführender Werke von großem Interesse sind. Die immer wieder auftauchenden Namen von Wissenschaftlern der Gegenwart, die als führende Experten im entsprechenden Fachgebiet bekannt sind, eröffnen hierzu weitere Möglichkeiten. Begeisterung vor so viel Arbeitseinsatz im Dienste der Archäologie und der Öffentlichkeit ist unbedingt angebracht.


Daten

Ein hochmittelalterliches Schwert aus dem Donauschotter bei Steyregg

Erwin M Ruprechtsberger
Mit Beiträgen von Karina Grömer, Andreas G. Heiss, Anton Mayer, Oskar A. Thalhammer, Hubert Presslinger

Nordico Stadtmuseum Linz
Linzer Archäologische Forschungen
Sonderheft 46
52 Seiten plus Einband
viele Abbildungen in Farbe
Februar 2012
dt., ISBN 978-3-85484-594-2
21 x 26 cm
Preis: EUR 8,70 (exkl. Postversand, inkl. Verpackung)

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1. Kommentar von Grimjau am 16.07.2012 um 19:04

Ein sehr gutes Buch.
Nachdem ich es durchgelesen habe bin ich begeistert.
Jedes Detail wurde ausführlich erklärt. Mehr kann man sich nicht erwarten.
Jetzt kann ich mich an die Arbeit machen und eine Replik schmieden.

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2. Kommentar von Florian Machl (Administrator) am 16.07.2012 um 19:22

Warte...
... vielleicht noch ein wenig. Es gibt noch ein nicht unwesentliches Detail zu klären das uns bei der letzten vor-Ort-Besichtigung aufgefallen ist. Ich warte hier noch auf Antwort von Dr. Geibig.

Finde ich gut. Ich kann dir nicht folgen / verstehe dein Kommentar nicht. Dem Verfasser dieses Kommentars eine private Nachricht schicken. Community-Funktionen sind nur für angemeldete Benutzer verfügbar.


3. Kommentar von Grimjau am 17.07.2012 um 19:36

Die Vorbereitungen
dauern eh länger.
Geschmiedet wird bei mir immer erst im Spätherbst und Winter.

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